Zeughaus Neuss

Das Neusser Kammerorchester (NKO), gerade mitten in den Vorbereitungen zu einer Tournee nach Japan, präsentierte anläßlich des 60. des Jubiläums seiner Gründung durch Wilhelm Schepping 1957, neben einem Meisterwerk der Orchesterliteratur von Joseph Haydn (Sinfonie 103 Es-Dur) und der vom NKO bisher nie gespielten Ouverture zu Mozarts Oper „Die Hochzeit des Figaro“, das hinreißende 21. Klavierkonzert C-Dur.



KV 467, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 21 C-Dur
Orchester: Das Neusser Kammerorchester
Solist: Mariko Sudo (Klavier)
Leitung: Joachim Neugart
Aufnahme am 7. Mai 2017 im Zeughaus Neuss

Die Aufstellung des Flügels wurde bewusst anders gewählt als heute üblich, hier mehr in die Mitte des Orchesters, um die Balance zwischen Orchester und Klavier zu sichern (meist ist für die Mozartsche Musik das Klavier heute zu sehr im Vordergrund und zu dominant).

KV 467, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 21 C-Dur
KV 467, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 21 C-Dur, Allegro maestoso
KV 467, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 21 C-Dur, Andante
KV 467, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 21 C-Dur, Allegro vivace assai

KV 467 Zeughaus Neuss

Zu den lukrativen Einnahmequellen Mozarts gehörten in seiner Wiener Zeit unter anderem die sogenannten Akademien, Konzertreihen, in denen Mozart sich als Komponist und Klaviervirtuose präsentieren und sehr gute Einnahmen erzielen konnte. Das Klavierkonzert C-Dur KV 467 wurde nach Mozarts eigener Werkübersicht am 9. März 1785 vollendet, die Uraufführung erfolgte einen Tag (!) später in einer Akademie im Burgtheater. Man kann also verstehen, dass Vater Leopold sich über den Stress der Konzertsaison beschwerte, denn wie so oft in Mozarts Leben war die Tinte auf den Manuskripten und mitunter übel kopierten Orchesterstimmen bei der Premiere kaum getrocknet, geprobt wurde so gut wie gar nicht. Erstaunlich bleibt, wie Mozart es trotz der vielfältigen Verpflichtungen schaffte, seine Produktion am Laufen zu halten und dabei sein künstlerisches Niveau sogar noch zu steigern. Mit den Klavierkonzerten d-Moll KV 466 und C-Dur KV 467 aus dem Frühjahr 1785 schuf Mozart nämlich einen neuen Typus von Klavierkonzerten, der nicht nur seinen eigenen Spätstil (er war 29 Jahre alt), sondern auch die Geschichte dieser Gattung bis weit in das zwanzigste Jahrhundert hinein prägte: das sinfonische Konzert. Das Soloinstrument wird in den sinfonischen Prozess integriert, erhält zwar Raum zur Entfaltung und zum Brillieren, muss sich aber auch ein- und bisweilen sogar unterordnen. Das mit Trompeten, Hörnern und Pauken recht groß besetzte Orchester wiederum steuert mehr zum musikalischen Geschehen bei als einen roten Teppich für das Soloinstrument. Es wird als wirklicher Partner über die Rolle eines Stichwortgebers oder Sparrings-Partners erhoben. Ohne diesen Ansatz wären die großen sinfonischen Konzerte Beethovens, Schumanns, Brahms‘, Pfitzners, Regers, Elgars, Prokofjews und vieler anderer nicht zu denken. Im Gegensatz zu dem über weite Strecken düsteren und grüblerischen Schwesterwerk in d-Moll strahlt das Klavierkonzert C-Dur KV 467 jene lässige, optimistische Eleganz aus, die man in Zeiten der Kunstreligion gerne zur „apollinischen Heiterkeit“ stilisierte und damit ihren Schöpfer quasi auf den musikalischen Olymp komplimentierte. Den ersten Satz Allegro maestoso eröffnet das Orchester mit einer ausladenden Exposition, in der das marschartige Hauptthema im Mittelpunkt steht und gleich auf mehrere Arten beleuchtet wird, zuerst leise und unisono, dann im Orchestertutti und schließlich in kontrapunktischer Engführung. Ein zartes Seitenthema in den Bläsern bildet den in der Sonatensatzform üblichen Kontrast. Man könnte sich als formkundiger Zuhörer oder mittelmäßiger Komponist ruhig zurücklehnen und sich auf das Schema von Exposition, Durchführung, Reprise und Koda einstimmen, aber Mozart wäre halt nicht Mozart, wenn er diese (eigentlich für alle großen Werke der Klassik falsche) Erwartungshaltung nicht enttäuschen würde: Das Soloklavier setzt fast beiläufig ein und meidet das thematische Material der Orchesterexposition. Das Haupt6 thema wird kaum gestreift und das zweite Thema völlig ignoriert. An seine Stelle tritt zunächst eine ernste Episode in g-Moll, die auf das berühmte Hauptthema der drei Jahre später entstandenen großen g-Moll-Sinfonie KV 550 vorausschaut und die für den weiteren Verlauf des Konzerts keine Bedeutung hat. Das Klavier wischt diese Episode mit geschäftigen Sechzehntelläufen beiseite und formuliert ein filigranes Thema in der „richtigen“ Dominanttonart G-Dur, das aus einem eher kreisenden Teil in Achtel und einem sich beschleunigenden aufwärtsstrebenden zweiten Teil besteht. Es herrschen im weiteren Verlauf des Satzes thematische Vielfalt und melodische Freiheit, Orchester und Solist kommentieren liebevoll die Gedanken des anderen, ohne sie in letzter Konsequenz für sich zu beanspruchen. Von Sonatensatzschema kann also keine Rede sein. Die Meisterschaft dieses Satzes besteht darin, dass die Freiheit nicht zur Formlosigkeit zerfasert, sondern im großen Rahmen des Sonatensatzes ein harmonisches Ganzes bildet: Einheit in Vielfalt. Der zweite Satz Andante gehört sicherlich zu den beliebtesten Konzertsätzen Mozarts überhaupt und hat in Film, Fernsehen und Supermarktbeschallung eine steile Karriere hingelegt. Es ist auch schwierig, sich der verträumten, schwebenden Atmosphäre zu entziehen, die Mozart hier mit einigen wenigen, jedoch höchst suggestiven Mitteln schafft.
Auf sechs dieser Mittel sei hingewiesen: 1. Da ist zunächst die in einem großen Tonumfang sich entwickelnde, beinahe unendliche Melodie, die einen Spannungsbogen über den gesamten Satz aufbaut. 2. Die Melodie changiert zwischen Dur und Moll und wird immer wieder mit Chromatik gewürzt. Sie bleibt so auf eine Art unfassbar, wie es später für Schubert so typisch wird. 3. Diese Melodie schwingt aus über einem ruhig fließenden, ebenfalls unendlichen triolischen Fundament. 4. Die Entgrenzung der Melodie wird gesteigert durch die Gleichzeitigkeit von duolischem und triolischem Rhythmus. 5. Die Streicher spielen mit Dämpfern, die Bässe werden gezupft. 6. Die Bläser werden sehr wirkungsvoll eingesetzt. Besonders die meisterhafte Verwendung des Fagotts verstärkt an einigen Stellen die dezente Melancholie dieses Nachtstücks.
Im abschließenden Allegro vivace assai setzt Mozart dem komplexen Kopfsatz und dem entrückten Andante ein handfest-virtuoses Schlussrondo an die Seite. Im Mittelpunkt steht ein leicht chromatisiertes, symmetrisch aufgebautes Hauptthema, das leicht dahingeworfen zu sein scheint. Tatsächlich aber hat es dieses Thema buchstäblich in sich, denn es wird zum Gegenstand einer thematischen Entwicklung, die man von einem klassischen Rondo eigentlich gar nicht erwartet. Mozart kombiniert Elemente der Rondoform (ein immer wiederkehrender Refrain, dazwischen kontrastierende sogenannte Couplets) mit der Sonatensatzform, indem er an manchen Stellen thematisch selbständige Couplets durch ein variierendes Aufgreifen des Hauptthemas ersetzt. Bei dieser Verarbeitung verselbständigen sich vor allem die ersten sechs Töne des Hauptthemas und tauchen immer wieder in 7 unterschiedlicher Lage und harmonischer Umgebung auf (dieses aufsteigende Sechstonmotiv erscheint übrigens fast wörtlich auch in der Figaro- Ouvertüre). An der Verständlichkeit dieses aufgeräumten Satzes ändert die komplexere Satzstruktur nichts, denn ihr wird eine Reduktion des thematischen Materials an sich entgegengesetzt. So kann der Hörer die Entwicklung des Satzes bis zu seinem fröhlichen Ende leicht nachvollziehen. Die Kombination von Kunstfertigkeit und Eingängigkeit des gesamten Konzerts unterstreicht einmal mehr Mozarts Anspruch und Fähigkeit, für Kenner und Liebhaber gleichermaßen zu komponieren.
Text: Michael Köhne


Mariko Sudo

Mariko Sudo, Foto: Alex Marc

Die Pianistin Mariko Sudo gab ihr Debüt in der Carnegie Hall New York (Weill Recital Hall) im Jahr 2011 und war zu Gast bei verschiedenen Musikfestivals, wie dem Klavierfestival Ruhr, dem Sarasota Music Festival, der Internationalen Sommerakademie Salzburg, der Euriade, dem Brahmsfestival Aachen, der Muziekbiennale Niederrhein und der Sommerakademie Montepulciano. Als aktive Solistin hatte sie dabei Gelegenheit mit verschiedenen Orchestern zu spielen, darunter die Duisburger Philharmoniker und verschiedene Kammerorchester. Sie arbeitete mit Dirigenten wie Jonathan Darlington, Uriel Segal, Eckhard Fischer, Gus Anton und Joachim Neugart. Konzerttourneen führten sie bisher in die USA und das Europäische Ausland. Für das Jahr 2010 wurde sie zur ersten „Solistin in Residence“ überhaupt vom Neusser Kammerorchesters ernannt.
Zahlreiche Preise erhielt Sudo bei Wettbewerben, unter anderem als Pianistin des Orion Klavierquartetts, mit dem sie im Jahr 2008 den Felix- Mendelssohn-Bartholdy-Preis der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sowie den Kammermusikpreis der „Freunde Junger Musiker e. V.“ in Berlin gewann. Seit 2008 ist sie Stipendiatin der Stiftung „Yehudi Menuhin Live Music Now“. 2010 war sie Stipendiatin der Alfred-Töpfer-Stiftung Hamburg.
Wichtige künstlerische Impulse erhielt sie durch die Zusammenarbeit mit Vitaly Margulis, Paul Badura-Skoda, Claude Frank, Jura Margulis, Bernd Glemser, Angela Cheng, Jeffrey Cohen und Asaf Zohar. Innerhalb der ihr wichtigen Kammermusik waren Dirk Mommertz (Fauré Quartett), Andreas 10 Reiner, Vladimir Mendelssohn und Menahem Pressler ihre Lehrer und Inspirationen. Die kontinuierliche Arbeit mit Robert Levin, der heute zu einem ihrer wichtigsten Mentoren zählt, hat sie unter anderem bedeutend in ihrer musikalisch-künstlerischen Entwicklung beeinflusst.
Als DAAD-Stipendiatin absolvierte sie 2013 ein Masterstudium bei der Pianistenlegende Menahem Pressler an der „Jacobs School of Music“ der Indiana University in Bloomington (USA). Studien an der Folkwang-Hochschule Essen/Duisburg bei Arnulf von Arnim und Dirk Mommertz (Kammermusik) beendete sie 2009. Leontina Margulis prägte ihre musikalische Jugend als Klavierpädagogin in Köln und an der Anton- Rubinstein- Akademie-Düsseldorf. Als Tochter deutsch-japanischer Eltern 1984 in Deutschland geboren und aufgewachsen, begann Mariko Sudo mit fünf Jahren mit dem Klavierspiel.


Neusser Kammerorchester

Neusser Kammerorchester

Das Neusser Kammerorchester wurde 1957 von Prof. Dr. Wilhelm Schepping gegründet und feiert in diesem Jahr seinen 60sten Geburtstag. Ziel der Orchesterarbeit war seit Beginn, besonders talentierte junge einheimische Instrumentalisten durch anspruchsvolle Orchester-, Kammermusikund Soloerfahrungen möglichst intensiv zu fördern. Die Reihe „Konzerte Junger Neusser Künstler“, die jeweils im Winterkonzert fortgesetzt wird, wurde bereits 1965 begonnen. Nach 30 Jahren unter dem Dirigat von Wilhelm Schepping mit Konzertauftritten in Deutschland, Belgien, Frankreich, Polen, Spanien, Kenya und Sambia, mehreren Rundfunk- und später auch Fernsehaufzeichnungen, sowie zwei internationalen ersten Preisen, übernahm Karl Kühling 1988 die Leitung des Orchesters. Unter seinem Dirigat wurde das Neusser Kammerorchester 1991 Landessieger des NRW-Orchesterwettbewerbs in Bielefeld und errang beim anschließenden dritten deutschen Orchesterwettbewerb den zweiten Platz. Ab 1995 unternahm Karl Kühling mit dem Orchester Konzertreisen nach Spanien, Griechenland, Belgien und Luxemburg.
1999 begann Joachim Neugart, Münsterkantor am Quirinusmünster Neuss die Zusammenarbeit mit dem NKO. An der Musikhochschule Saarbrücken zum Kirchenmusiker ausgebildet und als Organist preisgekrönt, war Neugart neben seinem Kantorenamt sechs Jahre lang als Dozent für Chorleitung und Leiter des Hochschulchores am Gregoriushaus Aachen tätig. Wie erfolgreich er die inzwischen 60-jährige Tradition des Neusser Kammerorchesters weiterführt, belegen nicht nur zahlreiche Orchesterkonzerte, sondern auch diverse in Kooperation mit dem Neusser Münsterchor durchgeführte oratorische Aufführungen und mehrere CD-Einspielungen.
11 Konzertreisen unter Joachim Neugart führten das Orchester 2002 nach St. Paul (USA) und im Rahmen des Deutschlandjahres in Japan 2005 nach Tokio, Hamamatsu und Kyoto. Im Oktober 2007 fand die zweite USA-Tournee statt, bei der das Orchester neben der Neusser Partnerstadt St. Paul diesmal auch Denver, Boulder und Breckenridge besuchte. Anlässlich des ebenfalls in diesem Jahr anstehenden 50-jährigen Jubiläums fand im Mai 2007 im Zeughaus Neuss eine Jubiläumsmatinee statt, bei der das Orchester, verstärkt durch ehemalige Mitspieler der vergangenen fünf Jahrzehnte, in drei unterschiedlichen Besetzungen und mit allen seinen drei bisherigen Dirigenten auftrat. Es folgten in den letzten Jahren zahlreiche Konzerte in NRW, 2010 eine erneute Konzertreise in die USA, 2011 eine Konzerttournee nach Meißen und Dresden, 2013 nach Australien und Neuseeland, 2014 nach Sardinien, 2015 nach Krakau und 2016 nach Kroatien. Für den Herbst 2017 ist eine weitere Konzerttournee nach Japan geplant.


Joachim Neugart

Joachim Neugart

An der Musikhochschule Saarbrücken zum Kirchenmusiker ausgebildet und als Organist preisgekrönt, war Neugart neben seinem Kantorenamt sechs Jahre lang als Dozent für Chorleitunq und Leiter des Hochschulchores am Gregoriushaus Aachen tätig. Wie erfolgreich er die inzwischen mehr als 58-jährige Tradition des Neusser Kammerorchesters weiterführt, belegen nicht nur zahlreiche Orchesterkonzerte, sondern auch diverse in Kooperation mit dem Neusser Münsterchor durchgeführte oratorische Aufführungen und mehrere CD-Einspielungen.