KV 516, KV 614 Bergisch Gladbach

In den letzten Wiener Jahren (1787-1791) entstehen Mozarts Streichquintette, geprägt von den Höhepunkten seines sinfonischen Schaffens. In diesen Werken konnte Mozart, sozusagen, zum ersten Mal aus dem Schatten seines Freundes, Förderers und “Vaters des Streichquartetts“ Josef Haydn rauskommen, mit dem er sich in einer gewissen, obwohl natürlich freundschaftlich geprägten Konkurrenzsituation befand. Haydn selbst schenkte der vergleichsweise neuen und damals an Popularität gewinnenden Gattung des Streichquintetts keine Aufmerksamkeit, weil er, wie er mal sagte, eine fünfte Stimme in dieser Konstellation nicht finden könnte. Somit beging Mozart hier ein Neuland.
Es ist nämlich die spannende Frage, wie man hier die fünfte dazugekommene Stimme – die der zweiten Bratsche – unterbringen kann. Mit zwei Geigen im Streichquartett hat sich die Rollenverteilung im Laufe der Zeit gut herauskristallisiert. Beim Hinzufügen einer weiteren mittleren Stimme verschieben sich die Verhältnisse zwar grundsätzlich nicht, werden aber im Einzelnen noch vertieft. So liegt es nahe, dass Mozart der inneren Struktur der Partitur noch mehr Ausdruck verleihen wollte. Die führende, über dem ganzen Konstrukt schwebende Rolle der ersten Violine wird zwar nicht angezweifelt, jedoch auf eine andere, dichtere und deutlich mehr entwickelte Basis gestellt. Es ist daher kein Zufall, dass Brahms Mozarts Streichquintette sehr mochte, denn er tendierte selbst zur Verdichtung und Parallelisierung der thematischen Linien, was noch mehr Verbindungen zwischen einzelnen Instrumenten der Partitur schuf. Es gibt so gut wie keine Kombinationen der Stimmen in diesen Werken, die Mozart ungeachtet ließ – gleichberechtigte Interaktionen zwischen allen Instrumenten sind überall zu verfolgen. Sogar die bis dahin unerschütterte Dominanz der ersten Violine wird nicht mehr so absolut und durch diverse Verflechtungen mit allen anderen Teilnehmern klanglich bereichert und neu nuanciert. So lassen sich Mozarts Streichquintette als Vorboten der Streichersinfonie empfinden, die in der Musik des 19. Jahrhunderts eine ziemliche Verbreitung fand – vor allem bei Felix Mendelssohn, der auch darüber hinaus aufgrund seines feinen Stils als direkter Nachfolger des großen österreichischen Komponisten gesehen wird. Und in diesem Kontext ist es wichtig zu betonen, dass Mendelssohns Streichsinfonien fast gerade mit zwei Bratschenstimmen besetzt sind, was zweifelsohne auf Mozarts Erweiterung des Streichquartetts zum Streichquintett zurückzuführen ist.


KV 516, Streichquintett g-Moll
Solisten: Michael Kibardin (1. Violine), Andrei Nikolaev (2. Violine), Anton Hubert (1. Bratsche), Jurate Cickeviciute (2. Bratsche), Lev Gordin (Cello)
Aufnahme am 14. Februar 2021 in Schloss Bensberg, Bergisch Gladbach

KV 516, Streichquintett g-Moll
KV 516, Streichquintett g-Moll, Allegro
KV 516, Streichquintett g-Moll, Menuetto
KV 516, Streichquintett g-Moll, Adagio ma non troppo
KV 516, Streichquintett g-Moll, Adagio - Allegro