St. Quirin

vl: Roman Tsotsalas, Cezar Dima, Martina Zimmermann, Freya Grothe

Aus Begeisterung, die in Schultagen für Werk und Leben des Komponisten Mozart geweckt wurde, ist ein Projekt entstanden, das im April 2019 etwa 200 Akteure aus Chor, Orchester und Tanzensemble im Gymnasium Marienberg künstlerisch zusammenführte. In die Schar der etwa 150 beteiligten Schülerinnen des Gymnasiums zwischen 11 und 18 Jahren reihten sich dabei ebenso ehemalige Schülerinnen, Kolleginnen und Kollegen, Eltern sowie weitere SängerInnen und professionelle GastmusikerInnen und SolistInnen ein.
Das Projekt war zweigleisig angelegt:
Zum einen fand am 06.04.2019 um 16:30 Uhr ein Konzert in der „Stammkirche" des Gymnasiums, der ehrwürdigen Basilika St. Quirin, statt. Dort wurde unter der Leitung von Arno Zimmermann das berühmte Requiem als Schlusspunkt eines reinen Mozart-Programms aufgeführt, eingeleitet vom Chorklassiker „Ave verum corpus" und dem Klarinettenkonzert. Ein Programm also mit Werken aus den letzten 3 Monaten des Komponisten, zusammengestellt unter dem Titel „Vollendet. Unvollendet. Mozart".
Zum anderen war eine weitere Art der Umsetzung des Requiems vorgesehen. Im Zusammenspiel von Sportlehrerin Frau Leuveld, Musiklehrer Herrn Zimmermann und etwa 100 Marienbergerinnen von Unter- bis Oberstufe entstand im Laufe des Schuljahres eine tanztheatralische Choreografie zum Mozart-Requiem. Das Werk wurde dabei unter dem Titel „Sterblich. Unsterblich. Mozart" interpretiert. Die tänzerische Darstellung war zugespitzt auf religiöse Motive des lateinischen Textes wie Leben und Ableben, Angst vor dem Höllenfeuer und Glaube an die Auferstehung, und hatte als roten Faden ebenso schauspielartige Fiktionen zu Mozarts letzten Tagen. Auch Anspielungen auf Kommerzialisierung und Kitsch, die heutzutage die „Marke“ Mozart umranken, wurden vorgenommen. Auf diese Weise sollte den Beteiligten wie den Zuschauern eine fesselnde Stunde mit Mozart bereitet und interessante Zugänge zu Werk und Leben des Genies eröffnet werden. Die Aufführungen fanden im Forum der Schule statt, ein ehemaliges Speichergebäude im Neusser Hafen (Batteriestraße 5), das seit wenigen Jahren multifunktional vom Gymnasium genutzt werden kann. Der Raum bot dabei die Möglichkeit, den Tanz in der Mitte anzusiedeln, umrahmt vom Publikum, während das Orchester direkt vor und der Chor auf der Bühne platziert wurde - für alle eine neue, sicher spannende Erfahrung.

 

ausführliches Programmheft: hier

 

im Forum Marienberg am 7. April 2019: das Requiem als Tanztheater

„Sterblich. Unsterblich. Mozart“ - Ideen zur Umsetzung des Requiems als Tanztheater

In unserer Bühnenversion setzen wir zur Zeit des Auftrags für das Requiem an und erwecken die Geister, die er in seiner Totenmesse erschuf, zu Leben. Seiner Feder entspringt zunächst der (weiße) Engel, der ihn von den ersten Takten des Werks an begleitet und als sein persönlicher, „liebevoller Todesengel“ zunehmend präsenter wird, je mehr er sich geistig und körperlich ins Requiem versenkt, sich dem „Reich der Schatten“ nähert. Später erscheint der weiße Engel in einer Schar von Engeln, die wir an die im frühen Christentum verbreitete Vorstellung von den vier Erzengeln angelehnt haben. Es handelt sich um herausgehobene Wesen, die der himmlischen Schar vorstehen. Sie sind in unserer Umsetzung Verkörperungen der Gesangssolisten, welche ja im musikalischen Zusammenhang eines Oratoriums den Chorstimmen gegenüber vergleichbar fungieren. Die Darstellerinnen der großen Tanzgruppen erscheinen dabei als fantasierte Gestalten zu den Texten und zu Mozarts musikalischen Visionen. Sie sind Körper und Bewegung gewordene Ehrfurcht, Bitte, Buße, Hoffnung, Angst, Glaube, Verheißung – sie werden mehr und mehr zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen im Prozess fiebriger Umnachtung.
Dieses „übernatürliche“ Treiben ist eingebettet in gut vorstellbare, dennoch natürlich fiktive Szenen aus den letzten Stunden Mozarts, unter Hinzunahme von Darstellern der realen Personen, die ihn dort begleiteten. Hier und da könnten nicht zufällig Bilder aus dem Filmklassiker „Amadeus“ vor dem inneren Auge des Betrachters auftauchen. Wirklichkeit und Vision überschneiden sich immer mehr, an Mozarts Ende hat er nur noch Augen für „seinen“ Todesengel. Mozart leidet, bäumt sich auf, lebt ab – aber kann Mozart eigentlich tot sein? Den Geist aufgeben: Seele und Körper entzweit – so eine gängige Vorstellung des Sterbevorgangs. Aber wie sterblich ist ein Mensch, der sich mit seinen Eintragungen ins musikalische Stammbuch der Ewigkeit doch unsterblich gemacht hat? Dessen kompositorische Schöpfungen in Musiktheorie und -praxis auf der ganzen Welt täglich Gegenstand vertiefter Beschäftigung sind? An dessen Leben die Nachwelt in allen Einzelheiten so viel Interesse zeigt, dass jedes beschriebene Stück Papier, jede gedrückte Klaviertaste, jedes verfasste Wort von unschätzbarem Wert zu sein scheint, archiviert und versteigert wird? In dessen Namen Konzert- und Opernbetriebe, Industrien der Tonträgerproduktion, Hersteller kitschiger „Fanartikel“ und auch Fabrikanten kugelförmiger Pralinen für immer Geschäfte machen können? An welchem Ort also können wir uns die unsterbliche Seele einer solchen massenhaft verehrten Person des öffentlichen Lebens mehr vorstellen: sanft auf Wolken im ewigen Reich Gottes gebettet oder bei den Menschen, die in Hingabe entbrannt seine Präsenz auf der Erde dauerhaft beschwören? Zum Glück haben wir Menschen diese Frage freilich nicht zu beantworten... aber wir dürfen im theatralischen Kontext ein wenig unsere Fantasie spielen lassen: unser persönliches „Vorspiel (eher ein Zwischenspiel) auf dem Theater“ – „Faust“ lässt grüßen. Dies alles nämlich scheint auf unserer Bühne dem transzendentalen alter ego Mozarts durch den Kopf zu gehen, als es – angelehnt an Berichte von Menschen mit Nahtoderfahrung – von erhöhter Position aus Zeuge des eigenen Ablebens und der unfassbaren Trauer der Angehörigen werden muss.

Text: Arno Zimmermann

nähere Beschreibungen zum Tanzprojekt im Programmheft ab Seite 19: hier


KV 618, Motette `Ave, verum corpus'
Orchester: Orchester am Gymnasium Marienberg
Leitung: Arno Zimmermann
Aufnahme am 6. April 2019 im Quirinusmnster Neuss

KV 618, Motette `Ave, verum corpus'

KV 618 St. Quirin

Nur wenige Monate, bevor Mozart „den Geschmack des Todes auf seiner Zunge“ spürte, schrieb er diesen einfach gehaltenen Chorsatz in D-Dur, der so rein und harmonisch, so bescheiden und formvollendet gehalten ist, dass man beinahe sprachlos ist. Vielleicht gingen ihm in den Momenten seines Ablebens spirituelle Erlebnisse durch den Kopf, die er der intensiven Beschäftigung mit der Vertonung dieses Textes (siehe letzte Zeile) verdankte. Die sanft geschwungenen Phrasen erfordern langen Choratem, dafür übersteigen die Tonhöhen nur selten den Tonambitus der natürlichen Sprechstimme. So unmittelbar und innig im Ton (Mozart schreibt dem Chor sotto voce vor, mit gedämpfter Stimme) spricht uns Mozart selten in seiner geistlichen Chormusik an. Nur in der aufwärts strebenden und sich leidvoll chromatisch steigernden Sopranwendung der Schlussworte in mortis examine schimmert die leidvolle „Erdenschwere“ der menschlichen Existenz durch. Das Nachspiel greift die Figur wieder auf, die im Zwischenspiel noch zu einem öffnenden Halbschluss in die Dominate A-Dur führte und rundet die letzten Worte „vertrauensvoll“ ab.
Hector Berlioz nannte das Ave verum corpus ein „himmlisches Gebet“. Vielleicht aber kann es nicht treffender beschrieben werden, als es der Musikwissenschaftler Alfred Einstein in seiner Mozart-Biografie formuliert hat: „Es [das Ave verum] ist kunstvoll und liedhaft zugleich; es ist ebenso tief wie einfach; es wahrt zugleich den Abstand vor dem Göttlichen, die Ehrfurcht vor dem Unerforschlichen, und ist voll Vertrauen und Reinheit des Gefühls, man möchte sagen: voll Zutraulichkeit.“


KV 626 St. Quirin

Erläuterung zum Requiem im Programmheft ab Seite 7: hier


Freya Grothe

Die Sopranistin Freya Grothe wurde von Arno Zimmermann und Michael K”hne ausgebildet und war in den letzten Jahren bei verschiedenen Oratorien- und Opernproduktionen im Rhein-Kreis Neuss beteiligt. Bereits 2006 wirkte sie in der Neusser Produktion von Hans Werner Henzes "Pollicino" als Ensemblemitglied mit. 2009 sang sie die Belinda in der Marienberger Produktion von Henry Purcells Dido und Aeneas in Neuss, 2013 die Frau Knochen in Detlev Glanerts "Die drei R„tsel" im Globe Theater Neuss und 2014 im Rahmen des YourStage Festivals am Rheinischen Landestheater in Neuss die Venus und diverse andere Rollen in Purcells King Arthur. Sie wirkte auáerdem bei verschiedenen Projekten geistlicher Musik am Gymnasium Marienberg, wie dem Faur‚-Requiem, dem Stabat Mater von Pergolesi und dem Mozart-Requiem mit.


Martina Zimmermann

Foto: Nada Males

Martina Zimmermann, geboren 1979 in Mnchen, begann bereits in frher Kindheit mit dem Singen. Zun„chst absolvierte sie jedoch eine Ausbildung zur Physiotherapeutin, an welche sich eine private Gesangsausbildung anschloss. Sie erhielt sowohl Unterricht bei namhaften Dozenten der Musikhochschule Mnchen als auch an der Robert-Schumann-Hochschule in Dsseldorf. Seit 7 Jahren nimmt sie Unterricht bei Frau Stephanie Doll in Dsseldorf und fhrte dort einen Wechsel des Stimmfachs vom lyrischen Sopran zum Mezzosopran durch. Sie agiert als freischaffende S„ngerin in und im Umfeld ihrer Wahlheimat Dsseldorf.
Verschiedene Opernarien, u.a. aus Hochzeit des Figaro und La clemenza di Tito (W.A. Mozart), Rosenkavalier (R. Strauss) und H„nsel und Gretel (E. Humperdinck), klassische Lieder (z.B. Biblische Lieder von A. Dvo? k und Lieder eines fahrenden Gesellen von G. Mahler) und solistische Parts aus geistlicher Chormusik (u.a. Stabat Mater von A. Dvo? k, Requiem, von G. Faur‚, Messiah von G.F. H„ndel, h-Moll-Messe von J.S. Bach, c-Moll-Messe von W.A. Mozart) geh”ren zu ihrem Repertoire.
Sie singt regelm„áig im Extrachor der Deutschen Oper Am Rhein und ist seit 2017 Mitglied der Dsseldorf Lyric Opera.


Cezar Dima

Der rumänische Tenor Cezar Adrian Dima studierte orthodoxe Theologie und unterrichtete byzantinische Musik, bevor er sich ausschliesslich dem Gesangstudium, zunächst an der „George Enescu“ Kunstuniversität in Ia?i - Rumänien, später an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz widmete. Engagements führten ihn an die Opernhäuser nach Graz und Wien sowie zu den Salzburger Festspielen, u.a. unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt, Seiji Ozawa, Bertrand de Billy, Peter Schneider, Valery Gergiev und Daniel Barenboim. Seit 2007 ist er Mitglied der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf-Duisburg. Der mehrfache Preisträger nationaler Wettbewerbe in Rumänien gewann zuletzt 2009 zusammen mit dem düsseldorfer Pianisten Thomas Möller beim internationalen Johannes Brahms-Liedwettbewerb in Pörtschach (Österreich) den ersten Preis.
Cezar Dimas Konzertrepertoire umfasst die großen Oratorien vom Barock bis zur Moderne, er ist oft in der Düsseldorfer Max-, Neander- und Lambertuskirche, bei der Kantorei Hilden und der Kantorei der Salvatorkirche in Duisburg, im Münsterdom St.Quirinus in Neuss und in der Basilika Knechsteden sowie bei vielen anderen Konzerten in NRW als Solist zu erleben. Sein Interesse für die Kammerchorliteratur brachte Cezar Dima mit Chorus Musicus Köln (Christoph Spering), Collegium vocale Gent (Philippe Herreveghe) und nicht zuletzt mit dem „Balthasar Neumann“ Chor (Thomas Hengelbrock) in Verbindung, wo er regelmäßig zu Gast ist. So hat er u.a. 2011 bei der CD-Einspielung des Programms „Nachtwache. Musik und Poesie der deutschen Romantik“ mit Rezitationen von Johanna Wokalek mitgewirkt, die 2012 bei Sony Music erschienen ist.

Roman Tsotsalas

Foto: Jerome Gerull

Der Bariton Roman Tsotsalas konnte sich in den letzten Jahren vor allem im Bereich der Alten Musik ein breites Repertoire aufbauen. Er arbeitete mit so bedeutenden Künstlern wie Ton Koopman, Andreas Scholl, Wolfgang Katschner, Rüdiger Lotter oder Michael Hofstetter zusammen.
Roman Tsotsalas sang u.a. beim Felicia Blumenthal Festival Tel Aviv, den Telemann-Festtagen-Magdeburg, den Internationalen Händelfestspielen Göttingen, den Festwochen Herrenhausen in Hannover, den Thüringer Bachwochen oder dem Düsseldorf Festival!. Konzertreisen führten ihn nach Italien, Frankreich, Belgien, Israel und Südafrika.
Gemeinsam mit dem Tenor Christoph Rosenbaum gründetet er 2015 das Ensemble FILUM, mit dem er sich seitdem sehr erfolgreich der Vokalmusik des 15. bis 17. Jahrhunderts widmet.
Sein Opernrepertoire umfasst neben Mozarts Figaro, Guglielmo und Papageno weiter Fachpartien, wie Malatesta, Dr. Falke, Graf von Eberbach, Ottokar oder Zar Peter I. Er war engagiert am Theater für Niedersachsen, Hildesheim und gastierte u.a. am Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen, dem Staatstheater Kassel, dem Theater Plauen-Zwickau, den Wernigeröder Schlossfestspielen, der Hamburger Kammeroper und der Schlossoper Haldenstein, Chur (CH).
Roman Tsotsalas stammt aus Düsseldorf. Er erhielt seine musikalische Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater, Hannover sowie am Conservatorio Benedetto Marcello in Venedig. 2011 bis 2012 absolvierte er das Exzellenz Programm Barock Vokal des Kollegs für Alte Musik der Hochschule für Musik, Mainz.
Roman Tsotsalas lebt in Malmö und arbeitet von dort aus europaweit als freischaffender Konzert- und Opernsänger.

Arno Zimmermann

Arno Zimmermann wurde 1975 in Düsseldorf geboren. Im Rahmen des Lehramtsstudiums an der Folkwang-Hochschule in Essen erhielt er Ende der 1990er Jahre dirigentische Ausbildung bei Professor Guido Knüsel. Darüber hinaus nahm er gelegentlich Unterrichtsstunden bei Kapellmeister Martin Fratz in Düsseldorf. Er war jahrelang Mitglied einer Düsseldorfer A-capella-Gruppe, die deutschlandweit agierte. Auch ist er seit geraumer Zeit Mitglied des Extrachors der Deutschen Oper am Rhein.
In seiner Tätigkeit als Musiklehrer am Erzbischöflichen Gymnasium Marienberg in Neuss leitete er seit 2006 verschiedene Chorkonzerte insbesondere der geistlichen Chorliteratur, darunter den Messiah von G.F. Händel, die Sinfonie in h-Moll („Unvollendete“) und Messe Es-Dur von F. Schubert, das Requiem von G. Fauré und Stabat Mater-Vertonungen von G.B. Pergolesi und A. Dvo?ák. Organisation und Einstudierung der musikalischen Vorhaben des Gymnasiums sind dabei seit Jahren Ergebnis der Teamarbeit mit den Musiklehrern Hiltrud Richter und Michael Köhne. Mit diesen und anderen Werken konzertierten Chor und Orchester von Marienberg in Neuss und auf (inter-) nationalen Konzertreisen u.a. nach Kloster Knechtsteden, Wissen, Würzburg, Wien, London und Brügge.
Arno Zimmermann zeichnet an der Schule auch für die Leitung eines A-capella-Ensembles und der Schulband sowie für Musical- und CrossOver-Projekte verantwortlich.